„Imagination als heilsame Kraft“ Traumatherapie oder doch wieder nicht ..?

Die neue Traumatherapie . Dr. Luise Reddemann erzählt mit ihrem Hauptwerk „Imagination als heilsame Kraft“ (zuletzt erschienen 2003),  die zentralen Gedanken der neuen Traumatherapie .Diese Therapie hat ebenfalls Schwierigkeiten mit der Realität der Erkrankten und ihren erlittenden Qualen.

Dazu ein Auszug der Kinderärztin A.Miller den ich genau so stütze und sehe.:

 

Alice Miller schreibt zu dem Thema :
Ich möchte hier Fragen und Anmerkungen artikulieren, die einzelne Aspekte der Traumatherapie (wie sie in der Literatur nicht nur von Reddemann in unterschiedlicher Akzentuierung durchgehend diskutiert werden) bei mir auslösten. Dies mache ich sehr bewusst von außen, als interessierter Leser, denn ich bin der Auffassung, dass jede Theorie mit der individuellen Lebenserfahrung verglichen werden sollte. Zu fragen ist nach dem Verbleib der Realität in der therapeutischen Praxis. Dabei zeigt sich, dass der Geschichte des ehemaligen Kindes wie dem emotionalen Erleben der Klientinnen und Klienten auch mit Hilfe neuer theoretischer Konzepte oftmals ausgewichen wird, indem „therapeutische Interventionen“ die möglichst genaue Kenntnis der realen Vorkommnisse in der Kindheit und des tatsächlichen Charakters der Eltern umgehen oder ganz vermeiden. Das wirkt sich nachteilig auf jene Minderheit von Hilfesuchenden aus, die sich dieses Wissen unbedingt erarbeiten und sich den Folgen der Traumatisierung in ihrem späteren Leben stellen wollen.
Manchmal ist es sicherlich besser, wenn ein Mensch, der sich in großer seelischer Not befindet, wenigstens zum Teil therapeutische Hilfe oder überhaupt die Möglichkeit eines Gesprächs erhält. Dennoch besteht in meinen Augen weiterhin die Notwendigkeit, nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben, sondern die Therapieangebote konsequent von gesellschaftlich vermittelten Klischees, versteckten moralischen und religiösen Dogmen und von ihrem direkten oder indirekten Erziehungsauftrag zu befreien. Voraussetzung meiner Überlegungen ist dabei immer, dass jeder Hilfesuchende selbst entscheidet, ob überhaupt und in welchem Maße er sich mit seiner Lebensgeschichte auseinandersetzen möchte.

„Heilsame Imaginationen“ und die „Ressourcen“ der Klienten als Schutz gegen bedrängende Gefühle

Viele Therapeuten, die sich auf die Behandlung der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung konzentrieren, sind sich der Tatsache bewusst, dass in der Kindheit erlittene Gewalt zu einem Gefühlsstau führen kann, der das Alltagsleben des Betreffenden massiv beeinträchtigt. Die Klienten sollen durchaus ihre Gefühle in der Therapie zum Ausdruck bringen, zugleich wird mit Hilfe verschiedener Techniken und Übungen versucht, die Intensität des emotionalen Erlebens zu steuern, letztlich abzuschwächen, in der guten Absicht, dieses für den Klienten erträglicher zu gestalten, ein plötzliches Aufbrechen der Abwehr zu verhindern.
Eine sehr bekannte imaginative Übung in diesem Zusammenhang bietet beispielsweise an, eine Patientin, die in der Kindheit vergewaltigt wurde, möge sich vorstellen, ihre belastenden wiederkehrenden Erinnerungen seien lediglich ein schlechter Film, nicht eine vergangene Realität, die in die Gegenwart einbricht. Diesen Film schließe sie nun in einen Tresor, der mittels einer komplizierten Zahlenkombination sorgsam verschlossen werde und somit nicht mehr auftauchen könne.

Wenn ich mich mit dieser Übung auseinandersetze, bin ich versucht, zu formulieren, dass man der Patientin am Ende noch empfehlen wird, die Zahlenkombination schleunigst zu vergessen, damit sie gar keinen Zugang zu diesem „Film“ mehr bekommt. Starke seelische Schmerzen erzeugen verständlicherweise ebenso starke Ängste und vielen Betroffenen wird jedes Angebot sehr gelegen kommen, das ihnen ermöglicht, weder die Schmerzen noch die Ängste fühlen zu müssen oder zumindest zeitweilig erneut verdrängen zu können. Doch die Angst vor den schmerzhaften emotionalen Erlebnissen weicht, wenn diese verständlich und im Kontext der Geschichte des Kindes als folgerichtig erlebt werden. Dann wird nach und nach von innen heraus klarer, dass die Ereignisse in der Vergangenheit stattgefunden haben und der Erwachsene durchaus die Möglichkeit hat, retraumatisierende Faktoren aus seiner Gegenwart auszuschließen oder (wenn das nicht immer möglich ist) anders mit diesen umzugehen. Die Erfahrung, dass die mit den Gewalterfahrungen verbundenen Gefühle vom Erwachsenen ganz anders verarbeitet werden können als von einem hilflosen Kind, könnte durchaus ermutigend und stärkend wirken, aber dafür müssten diese Gefühle erlebt und nicht vorschnell verriegelt werden, sei es im Inneren oder in einem imaginierten Tresor.

Der spezielle Inhalt dieser Übung macht deutlich, dass sehr reale Erlebnisse des Kindes in den Bereich des Irrealen verbannt werden. So war beispielsweise der Inzest eben gerade kein schlechter Horrorfilm sondern Wirklichkeit. Und mir leuchtet nicht ein, warum eine Patientin so tun soll, als verhielte es sich anders. Vom Irrealen ist es nur ein kleiner Schritt zum Irrationalen, was Übungen verdeutlichen, mit deren Hilfe sich der Klient mit der Vorstellung vertraut machen soll, in seinem Inneren existierten lauter kleine helfende Wesen. Ein in der Familie misshandeltes Kind wird sich unter Umständen der Phantasie überlassen, es sei umgeben von unsichtbaren Helfern. Ein erwachsener Mensch hätte dies nicht unbedingt nötig, er würde vielleicht ganz reale Fähigkeiten der Selbsthilfe in sich entdecken, je mehr er merkt, dass er auch sehr belastende Ereignisse der Kindheit anschauen und allmählich als Teil seiner Vergangenheit integrieren kann: Es ist furchtbar bis heute, aber so und nicht anders ist es gewesen. Auf der einen Seite möchte die Traumatherapie ganz zurecht helfen, starke regressive Zustände zu vermeiden, auf der anderen Seite fördert sie durch solche Übungen das Verbleiben der Klienten in einer nicht mehr angemessenen kindlichen Verfassung. Es könnte doch immerhin sein, dass ein Mensch mehr bewältigen kann, als manche Therapeuten glauben wollen, und kleine Feen und Elfen nicht mehr braucht.

Das von den Eltern bedrohte Kind lernt sehr früh, Gefühle abzuspalten oder in eine Phantasiewelt zu flüchten. Diese Überlebensstrategie behält auch der Erwachsene meist unbewusst bei. Immer, wenn er sich gefährdet oder belastet fühlt, kann er „aussteigen“.
Ein Mann schilderte diesen Vorgang in einer Gruppe einmal so: Er habe in einem Seminar auf der Universität Protokoll schreiben müssen. Die Diskussion sei sehr hitzig verlaufen, die Seminarteilnehmer hätten sich erbittert bekämpft, vermutlich weil sie sich profilieren wollten. Diese Situation sei auch deswegen für ihn so unerträglich gewesen, weil man sehr beengt beieinander gesessen habe. Der Mann konnte sich an ein plötzliches Panikgefühl erinnern, es sei für ihn so gewesen, als ob er wieder als kleiner Junge verängstigt am Tisch mit den Eltern sitze, die sich laut und gewalttätig stritten. Er berichtete weiter: Und plötzlich war ich buchstäblich weg. Ich habe im Seminar gesessen, bin danach mit der Bahn nach Hause gefahren. Erst in der Wohnung wachte ich sozusagen auf. Ich merkte, dass ich mich an das Seminar nicht mehr erinnern konnte, weder an die Diskussion noch an den Anlass der Auseinandersetzung. Auch an die Heimfahrt – ich musste ein Mal umsteigen – konnte ich mich nicht mehr erinnern. Ich war sehr erschrocken, denn schließlich sollte ich ein Protokoll verfassen, ich stellte aber fest, dass ich offenbar mitgeschrieben hatte, den Verlauf der Diskussion in Stichpunkten festgehalten, doch auch daran konnte ich mich nicht erinnern. Mir wurde zum ersten Mal klar, wie oft in meinem Leben ich in eine solche Verfassung geraten bin, eigentlich ohne es zu merken, dabei will ich doch bei mir bleiben; ich will herausfinden, wovor ich Angst bekomme und warum.

Bei Reddemann werden die hier angedeuteten Übungen auch unter dem Schlagwort „bewusstes Dissoziieren“ empfohlen. Ich meine, dies kann in der Praxis verhindern, dass ein Klient in der Tiefe begreift, was seine Gefühle auslöste, woran sie ihn erinnern, warum sie ausgelöst wurden. Jemand, der sehr lange abgetrennt war von seinen echten Gefühlen, wird diese womöglich nicht so schnell wieder verlassen wollen. Denn die echten, intensiven Gefühle (auch und gerade die schmerzhaften, ängstigenden) sind Teil unserer Authentizität, die ja vor allem von gewalttätigen Eltern in der Kindheit bekämpft wurde. Übrigens brauchen wir den Zugang zu unseren Emotionen und realen Erlebnissen in der Kindheit, um wenigstens eine Chance zu haben, die Depression (als ein Ausdruck des Selbstverlustes) aufzulösen. (Gegen verinnerlichte Schuldgefühle oder den Selbsthass werden solche Übungen ganz sicher nichts ausrichten können, denn dazu müsste man sich schon genauer und intensiver die Übergriffe der Eltern ansehen.)
Der Organismus eines misshandelten Kindes reagiert auf Krisen und Belastungen mit einer inneren Fluchtbewegung. Hier wäre später wohl eher ein Prozess des Umlernens erforderlich, das konsequente Bemühen, in der Gegenwart zu bleiben, um heraus zu
finden, ob und wie der Erwachsene heute mit der Überforderungssituationen umgehen kann.

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Über blackpast

Geboren 1966 ,wohnhaft in Deutschland ,Brandenburg.Seit 1994 beschäftige ich mit intensiv mit psychischen Problemen die im Zusammenhang mit Erziehung,Gesellschaft und Ideologie stehen.Es gibt viel Aufklärungsbedarf von dem ich hier berichten will..
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